Janus – Vater Deluxe


Mitte März kam meine Janus Sammelbestellung endlich bei mir an. Viel war drin, einiges, was ich schon kannte, aber bisher nur von Freunden vermacht bekommen habe, also nicht im Original besessen hab, aber auch einiges neues, das ich noch entdecken muss. Vorstellen möchte ich euch aus diesem Packet zunächst einmal die “Vater”, welche es noch in der Deluxe Edition beim Shop zu erstehen gibt – wer Interesse hat, sollte aber nicht all zu lang warten! Drei der insgesamt sechs angebotenen Werke (die “Isaak EP”, die “Kleinen Ängste” und die “Auferstehung”) sind schon wieder Vergriffen, und wenn Janus ihr Wort halten, werden diese Alben in absehbarer Zeit auch nicht neu aufgelegt Da dieser Beitrag schon vor einer ganzen Weile auf meiner Platte liegt, stimmt das nicht mehr – der Stand dieser Info ist mitte/ende März. Mittlerweile war kurzzeitig alles bis auf die Vater und die Winterreise vergriffen, jetzt sind noch ein paar “Kleine Ängste Hörbücher” wieder aufgetaucht. Nach Aussagen im Forum sind das nun aber wirklich nur noch wenige Restbestände! Leider versuchen auf der anderen Seite einige Menschen bei eBay durch Täuschung (Beschreibung: Längst vergriffene CD der Kultband Janus, etc.) auch ordentlich Geld für die CDs die es noch im Shop gibt, heraus zu schlagen. Guckt also bitte immer unbedingt vorher im Shop nach, bevor ihr auf was bei eBay bietet!

Zu Janus selbst habe ich ja schon ein paar Worte verloren. Seit 1995 gibt es die Band, seit 2006 existiert sie zwar noch ist aber nicht mehr aktiv. Nun, 2012 also gibt es wieder ein Lebenszeichen der beiden Musiker Dirk ‘RIG’ Riegert und Tobias ‘Toby’ Hahn. Unter den wenigen Resten, die sie noch nach der Inventur auftreiben konnten, zählte neben 4 weiteren Werken auch die “Vater Deluxe Edition”.

Vorgeschichte

Bei der Vater Deluxe handelt es sich um einen “digitaly remastered Re-Release” des 1998 erschienenen Debüt Albums Vater. Die alten Tracks sind dabei größtenteils identisch geblieben – im Original-Release ist der Track Knochenhaus jedoch noch ein unbenannter Hidden Track, der hinter Lolita versteckt wurde. Auf der Deluxe-Edition wird er als extra Track losgelöst von Lolita geführt, folgt aber auch hier direkt hinter dem Song Lolita.

Zusätzlich kommen drei weitere Songs hinzu, die es auf der ursprünglichen Vater nicht gegeben hat, die aber aus anderen Veröffentlichungen stammen. So ist kurz nach der Vater im Jahre 1999 die Single Isaak ausgekoppelt worden. Neben dem Song Isaak in einem Single Edit und einem Remix von Das Ich fand sich hier auch der Song Knochenhaus das erste mal als eigenständiger Song. Daneben erschienen mit Kafka (Version) und Wolken über Orgonon aber auch zwei komplett neue Songs. In der Deluxe Edition werden beide Songs der Single in das Album zurückgeführt. Der letzte Song stammt dann von der dem Album vorhergehenden Demo, die ebenfalls Vater hieß. Diese erschien 1997 im Eigenvertrieb, und wurde nur in einer Auflage von 500 Stück produziert – ein unter Janus Fans und Sammlern stark begehrt, und sehr schwer aufzutreiben. Auf dieser Demo findet sich der Song Ballade von Jean Weiss, der es damit auch endlich auf das Album Vater geschafft hat.

Das besondere an dem Album Vater ist, dass es sich um ein Konzept-Album handelt – der rote Faden durch alle Songs ist die Figur des Vaters, und die unterschiedlichen Beziehungen zu den Kindern steht. Eine weitere Eigenart dieses Albums ist es, dass alle Songs eine Inspirationsquelle aus der Kunst, der Mythologie oder der Geschichte haben. Für mich war dieses Album somit auch extrem lehrreich, denn vieles aus dem Album war mir so noch nicht bekannt! Darauf werde ich aber in den einzelnen Stücken näher eingehen.

Die CD

Kommen wir wie immer zunächst zur Aufmachung. Die ersten Veröffentlichungen von Janus sind leider in ganz normalen, langweiligen Jewelcases erschienen, und auch das Rerelase macht hier keine Ausnahme. Das ist für mich, als Sammler und Liebhaber von aufwendig gestalteten CDs ein Wermutstropfen. Wenn ich bei einer CD zugreife und mir diese kaufe, dann freue ich mich über gesamtgestaltete Kunstwerke, die auch etwas für das Auge bieten, und da kommt ein Jewelcase einfach nicht mit. Allerdings – und das wertet diesen Minuspunkt wieder ein wenig auf – das Artwork wurde komplett überarbeitet und der CD auch ein Schuber aus Pappe verpasst. Auf diesen befindet sich der bekannte “Vater-Baum-Kopf” diesmal allerdings nicht vor einem Fenster, oder Rahmen, sondern vor einer wahrlich bizzaren Landschaft, die aus toten Bäumen, einem Boden der von versteinerten Ammoniten (meine Güte, an alle Rezensionisten, dieses Werkes, die ich schon lesen durfte – habt ihr euch in eurer Kindheit nicht für Dinosaurier interessiert?! Ich hab schon die Wahnwitzigsten Sachen darüber gelesen, was das sein soll – bis hin zu Cthulus Tentakel war alles vertreten), die sich zum teil wie Bäume auch tatsächlich tentakelförmig in die höhe ragen. Das “Vater-Baum-Gesicht” auf der Schuber-Vorderseite ist leicht geprägt. Auf der Rückseite, im selben Stil gehalten, findet sich das Tracklisting – und wenn man sich dies bei der Bestellung gewünscht hat, die Unterschriften von Toby und Rig.

Wie gesagt, ist auch das Artwork der CD überarbeitet worden, und dies macht sich nicht schlecht – auch wenn einige der alten Bilder (ich habe nur wenig Artwork zum original Vater-Release, sowie das Isaak Artwork als Vergleich gehabt) in ihrer ursprünglichen Fassung sehr viel Bizarrer und damit wahrscheinlich besser passend zu den Songs waren – gelingt der Versuch, die einzelnen Bilder besser aufeinander Abzustimmen (hauptsächlich Farblich), und das gibt dem ganzen beim durchblättern ein ruhigeres und stimmigeres Bild. Das Ammoniten-Motiv zieht sich ebenfalls durch das gesamte Artwork, und findet sich daher auf der CD wieder, sowie auf dem Inlay unter der CD, und auch auf der Rückseite des Jewelcase; hier sind vor allem Zeichnungen zu finden, die aus antiken Lehrbüchern zu entstammen scheinen. Eine Runde und gelungene Sache. Am Booklet gefällt mir auch, dass neben der Einheitlichkeit des Gesamtkonzepts auch Wert auf eine bessere Lesbarkeit der Lyrics gelegt wurde. Dies ist vor allem bei den Stücken Isaak und Knochenhaus ersichtlich, die sich auf der Isaak-Single befinden. Und das Booklet wurde ebenfalls mit einem sehr schönen Prägedruck versehen – der nur leider unter dem Jewelcase sehr schlecht zur Geltung kommt. Hier zeigt sich wieder der Vorteil des Digipak.

Für 19€ erhält man also eine CD mit einem wunderbar durchdachtem Artwork-Konzept das sich durch die gesamte Veröffentlichung, einen Pappschuber und ein 28 Seiten starkes Booklet zieht (für dieses zeichnet sich übrigens Oliver ‘irrLICHT’ Schlemmer verantwortlich, der auch schon einige Alben für L’Âme Immortelle designed hat). Ein wenig getrübt wird dies durch das einfache Jewelcase. Für eine “Deluxe” Edition kann man hier schon ein Digipak erwarten, finde ich. Ansonsten wirklich schön!

★★★★★

Die Musik

Kommen wir nun zum Hauptteil, der Musik. Wie gewohnt möchte ich ein paar Worte zu jedem Song verlieren – vor allem über die Hintergründe lässt sich hier viel in Erfahrung bringen. Janus haben auf ihrer Seite zu jedem Song jedes Albums ein paar Worte zur Entstehungsgeschichte preisgegeben, die ich hier mit einfließen lassen möchte (allerdings nicht komplett abschreiben werde – guckt für weitere Details bitte auf der Seite vorbei, es lohnt sich!). Zum anderen lässt sich über die einzelnen Songs sehr viel recherchieren. Wie gewohnt werden hier also viele Wikipedia-Links eingebaut sein, um zu den einzelnen Hintergrund-Themen eine kleine Anlaufstelle zu haben. Und zu guter letzt möchte ich auch ein paar Worte zu dem Artwork bei den Songs verlieren. Das klingt zunächst komisch – so komisch ist das allerdings nicht: Da das Artwork für jeden Song extra geschaffen wurde, und im Booklet jeder Song zwei Seiten einnimmt, wobei eine die Lyrics ziert, und die andere Seite komplett für ein Kunstwerk zum Stück frei bleibt, kann man hier auch pro Song auf eine Visualisierung eingehen, und das möchte ich hier dann auch tun. Das geht aber natürlich nicht in die Bewertung des einzelnen Songs mit ein, sondern ist dann Teil der Gesamteindrucks 😉

Fangen wir also an:

  1. Isaak [6:03]
    Hart und rythmisch steigt man in den ersten Song ein, der eine Mischung aus hartem Bass, einem Wirbel aus Elektroelementen und Rock-Instrumenten eingeleitet wird. Der Gesang wechselt dabei regelmäßig zwischen einer Art Erzählerstimme, aus der Sicht des Sohnes, die dann, sobald es um den Vater geht, immer härter und schneller wird. Außerdem die direkte Rede des Vaters – diese klingt von Anfang an sehr gehetzt (was schon in den ersten paar Liedzeilen deutlich wird – “er sagte: ‘Steh auf Sohn, uns bleibt mich mehr viel Zeit, Gott verlangt ein Opfer und der Weg zum Berg ist weit'”). Erst der Refrain wird es wieder ruhig, der Teil in dem der Sohn die Fragen an den Vater richtet – hier gibt es sogar eine Geigen-Untermalung. Gegen Mitte des Songs gibt es dann sogar einen ruhigen Teil, der erst einmal nur aus Elektroelemente und einen ganz leisen und zartem Chor (fast wie ein Engelschor?) im Hintergrund besteht. Langsam geht es dann zurück in die harten Strophen und den Refrain.

    Thematisch geht es bei Isaak um die biblische Geschichte der Opferung Isaaks, aus dem 1. Buch Mose. Aufhänger für die Geschichte ist laut RIG das Zitat aus der Bibel, bei dem der Vater Abraham zynisch auf die Frage des Sohnes Isaak antwortet:

    7Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo aber ist das Schaf zum Brandopfer? 8Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander.

    (Quelle: 1. Mose 22, 7-8)

    Für alle, die diese Geschichte, wie ich vorher nicht kannten: Gott befiehlt Abraham seinen einzigen Sohn auf einem Berg zu opfern, um zu prüfen, ob dieser auch wirklich Gottesfürchtig ist. Abraham gehorcht, errichtet mit seinem einzigen Sohn Isaak den Opferaltar, bindet diesen auf den Altar – und erst kurz vor der Opferung schickt Gott dann seine Engel, um Abraham im letzten Moment doch davon abzuhalten; denn nun wisse Gott, dass Abraham tatsächlich Gottesfürchtig sei – und nachdem dieser dann statt des Sohnes das erste Tier, dass er sieht – einen Widder – opfert, spricht der Engel erneut zu Abraham und sagt, dass dieser nun in Gottes Gunst stehe… (die Geschichte kann übrigens auch u.A. hier online eingesehen werden).

    Auf der offiziellen Webseite schreibt RIG zum Song:

    Der fast schon zynische Kommentar Abrahams auf die unschuldige Frage seines Sohnes gefiel mir so gut, dass ich beschloss, die Geschichte aus dem Blickwinkel Isaaks nachzuerzählen. Den ganzen Quatsch mit dem rettenden Engel ließ ich einfach weg, es sollte nicht der göttliche Plan sondern die Besessenheit eines Mannes mit fiebriger Vision im Mittelpunkt stehen

    Das gelingt absolut. Sowohl musikalisch als auch textlich eines meiner Lieblingssongs auf dem Album. Verzweiflung, Wahn und Irrsinn werden wunderbar transportiert, und der Song ist trotz und auch wegen seiner härte sehr ergreifend, und durch die schnellen Rhythmen sicherlich auch gut Tanzbar, wenn man dass bei einem Song mit diesem ausmaß denn möchte…

    Das Artwork zum Song ziert einen irren alten Man, mit langem, wilden Bart und Tunika, dessen Augen man nicht sehen kann. Dennoch steckt in seinem Gesichtsausdruck der blanke Wahnsinn, vor allem durch den verzerrten Mund und dadurch entstehenden Gesichtsausdruck. In der einen Hand hält er ein Kind vor sich und an sich gedrückt, das maximal 6 Jahre alt ist (und welches eng geschnürte Ranken um den Hals hat), in der anderen Hand ist ein sehr langer säbelartiger Dolch zu sehen. Die Lyrics auf der anderen Seite sind auf Pergament aufgebracht, das aus einem Buch gerissen zu sein scheint. Dabei ist eine deutlich biblische Anordnung der Lyrics zu sehen, was auch die Überschrift 1. Janus 21.22, Isaak deutlich macht. Die dadrunter liegenden Blätter offenbaren dem genauen Betrachter Passagen aus der Bibel zu ebenjener Geschichte. Eine Wunderbare Visualisierung.
    ★★★★★

  2. Schwarzer Witwer [9:06]
    Ein Song, den ich Anfangs ein wenig unterschätzt habe, ist Schwarzer Witwer. Nach Isaak ist dieser Song zunächst ein Ruhepunkt, der sehr ruhig und atmosphärisch eingeleitet wird, durch Atemgeräusche, die von ruhigen rythmischen elektronischen Elementen, sowie echten Trommeln (Bongos, wahrscheinlich) und einem Rauschen, wie das Rauschen des Windes oder des Meeres klingt, begleitet werden. Später kommen dann Streicher hinzu, die dem ganzen etwas bedrohliches geben, bis dann Gitarren einsetzten, mit denen das Blatt sich dann tatsächlich von etwas ruhigem in etwas bedrohlich klingendes wandelt.

    Dann folgt folgt ziemlich monotoner, Gesang, der sich zum Refrain wieder immer aggressiver und lauter wird und zu einem Schreien entwickelt, der später noch lange nachhallt.

    Schwarzer Witwer
    (Schwarzer Witwer)
    Deine Nerven liegen blank.
    Schwarzer Witwer
    (Schwarzer Witwer)
    die Stille raubt dir den Verstand

    Als wenn wir im Kopf des Protagonisten, des Schwarzen Wittwers stecken. Nach dem ersten Refrain wird es dann schlagartig melodischer. Nach einer sehr ruhigen Instrumental-Einlage, die zunächst wieder vom Trommeln dominiert wird, und dann von wunderschön melodischem Cello und Geige begleitet wird, setzt diesmal ruhiger und harmonischer Gesang zur dritten Strophe ein, bis es dann zur vierten Strophe hin, wieder eintöniger und lauter wird, und wieder in Geschrei endet, um den Refrain das zweite mal Einzuleiten.

    Die fünfte Strophe ist relativ ähnlich zum Refrain und hält die “böse” Offenbarung dieses Songs.

    Als Inspiration für diesen Song gilt wieder ein literarisches Werk, diesmal nicht die Bibel, sondern Edgar Allan PoesDas verräterische Herz“.

    RIG schreibt:

    Ein Mann wird heimgesucht von Schuld, Gewissensbissen und Paranoia. Eine verhängnisvolle Tat überschattet sein Dasein und treibt ihn mehr und mehr in den Wahnsinn. Liebe, Trauma, Mord… kurz gesagt: ein klassischer JANUS-Text!

    Zwar tötet der Ich-Erzähler in Poes Erzählung einen alten Mann, hier der Witwer seine Frau – aber die Motive, nämlich erstens das Töten einer geliebten Person und zweitens das darauf hin wahnsinnig werden – bleiben erhalten.

    Schwarzer Witwer ist somit einer der wenigen Songs, auf dem Vater-Album, das nichts mit der Vater-Figur, bzw. Vater-Beziehung als solche zu tun hat. Das finde ich aber nicht so schlecht, und finde ganz im Gegenteil sogar, dass zumindest ein entfernter Bezug doch darin zu finden ist, dass der Vater ja nur eine der vielen Rollen ist, die ein Mann in einer familiären Beziehung einnimmt. So kann jeder Vater auch gleichzeitig in der Rolle des Ehemannes in Erscheinung treten. Ob es (ältere) Kinder gibt, bleibt unerwähnt.

    Thematisch sehe ich hier also eigentlich kein so großes Problem. Allerdings muss ich gestehen, mir persönlich sagt der Refrain nicht so zu – ich kann es garnicht wirklich an etwas fest machen. Vielleicht ist er mir ein Ticken zu doll, ein Tick zu monoton, vielleicht auch in der Form ein Tick zu häufig – Gegen Ende des Stückes wird das “Schwarzer Witwer” ziemlich oft wiederholt. Musikalisch ansonsten super, vor allem die ruhigen und musikalischen Teile gefallen mir sehr sehr gut, und Lyrisch ist das Lied in den Strophen sehr überzeugend. Allerdings absolut nichts zum Tanzen, eher zum betroffenen zuhören 😉

    Das Artwork ist mal wieder umwerfend treffend. Man sieht einen älteren Mann, der mit irre weit aufgerissenen Augen und aufgerissenem Mund scheinbar schreit, dabei von Fäden überwuchert ist, passend zu den Lyrics

    Du hast elf Rollen Nylon mitgebracht
    und die Fänden sorgsam verlegt
    von der Heizung zu den Lampen
    zu den Leisten an der Wand
    und von dort dann in deine Hand.
    Jetzt kauerst du im Dunekl jede Nacht
    und wartest bis sich etwas regt.

    (höchstwahrscheinlich eine Anspielung auf die Europäische Schwarze Witwe, eine Spinnen-Art, die sich auf ebenjene Weise ihre Beute fängt).
    Wer genauer hinschaut, findet auch bei diesen Artworks wieder etwas interessantes – hier ist es die Frau des schwarzen Witwers. Wirklich sehr gut gelungen.

    Insgesamt ein schöner Song, und eine wunderbare Aufarbeitung des literarischen Stoff. Wer jetzt Interesse am Original hat, dem sei der Volltext bei Zeno ans Herz gelegt (die Geschichte hat bei der Übersetzung interessanter Weise unterschiedliche Titel bekommen – es handelt sich um ein und dieselbe Geschichte), wer es im Original mag, wird bei literature.org fündig.
    ★★★★

  3. Lolita [7:56]
    Lolita ist eines der wirklich insgesamt ruhigeren und sehr melodischen Stücke von Janus, fast schon schön, und doch auch irgendwie – gerade durch die Art des Gesanges – perfide. Schon die ersten paar Strophen enthüllen, dass es auch tatsächlich ein sehr perfides Lied ist.

    Aber das muss ich in diesem Fall wahrscheinlich niemanden erzählen, denn es gibt literarische Werke, deren Inhalt kennt man einfach, auch wenn man sie noch nie gelesen hat. Und oft weiß man noch nicht einmal warum, oder woher man sie kennt – Robert Lous Stevenson’s Dr. Jekyll und Mr. Hyde ist z.B. solch ein Werk.

    Ich denke bei Vladimir Nabokovs Lolita handelt es sich um eben so ein Werk. Sollte jemand der Titel nun doch nichts sagen: Zusammenfassend handelt es sich um die Geschichte eines Stiefvaters, der hebephil ist, und mit seiner Stieftochter quer durch die USA reist, wobei er sich immer mehr an ihr vergeht. Allerdings handelt es sich dabei nicht um eine klassische Täter-Opfer-Verteilung, denn umgekehrt nutzt Dolores es aus, dass sie ihren Stiefvater mit Sex gehörig machen kann, und bringt diesen mit dem Älter-Werden immer mehr dazu, das zu tun, was sie möchte, bis sie ihn schließlich ganz verlässt…

    RIG schreibt zum Song:

    Der inzestuöse Reigen des Liedes basiert im wesentlichen auf dem 29. Kapitel des Buches, in dem der fast wahnsinnige H.H. seine inzwischen volljährige Lolita aufspürt und sie verzweifelt ein letztes Mal versucht zu einem gemeinsamen Leben mit ihm zu überreden.

    Ähnlich wie auch Falco mit dem Song Jeanny (Jeanny) schafft es dieser Song, eine Mischung aus Verlangen, mit krankhaftem Wahn musikalisch auszudrücken. Natürlich ist dies bei Janus eine ganze spur düsterer und expliziter.

    Ich wollte dich töten,
    doch es ging nicht
    ich liebte dich,
    doch es ging nicht gut

    Das Artwork zum Song zeigt einen ekligen alten Mann, der wirklich sehr verzerrt perfide grinst – in seiner Hand einen Bilderrahmen in dem man Teile einer halb-nackten Frau seiht. Zum davonrennen! Und deshalb wieder unglaublich passend. Eine wiederlich-geniale Mischung, ein toller Song, großartig gemacht, musikalisch schaurig-schön, inhaltlich zum Nachdenken und Philosophieren – es stimmt einfach alles.
    ★★★★★

  4. Knochenhaus [2:47]
    Gestartet wird dieser Song mit dem typischen Knacken eines Plattenspielers und ein paar knarrenden Dielen. Die Musik ist dann sehr chillig-jazzig – Wikipedia verrät es handele sich um einen Doors-lastigen Blues Rock. Auf jeden fall etwas, dass man auch gut als Fahrstuhlmusik hernehmen könnte. Darauf gibt es von RIG im langsamen Flüster-Sprechgesang 3 recht kurze Strophen vorgetragen. RIG selbst nennt sie “Kinderreim” oder auch “simple[n] Mord-und-Totschlag-Vierzeiler”, und erklärt, dass sie während der Beschäftigung mit Bret Easton Ellis‘ Roman American Psycho entstanden sind. Zunächst ist hier das Vater-Motiv nicht so ersichtlich, diese existiert vor allem durch die kranke Beziehung des Mörders zu den Gebeinen seiner Opfer! RIG schreibt:

    Den konkreten Anlaß zu “Knochenhaus” gab ein langer Artikel in der Frankfurter Rundschau, der sich mit einem psychisch kranken Mann beschäftigte, der monatelang unbemerkt Gebeine und Urnen vom Hauptfriedhof gestohlen hatte, um sie im Keller seines Hauses fein säuberlich aufzuschichten…

    Insgesamt ein sehr ruhiger, hypnotischer Song – durch die einfachen 4-Zeiler, die immerzu mit

    Scharr, Scharr
    verscharr das Gebein

    beginnen, auch fast wie ein Mantra wirkt. Eine sehr bizarre Mischung von Melodie und Inhalt. Wunderbar gelungen!

    Zum Artwork möchte ich diesmal garnicht so viel sagen, außer, dass es wieder wunderbar passt – man sieht ein paar von Ranken überwucherte Kieferknochen, und wieder einen Bilderrahmen. Hier fällt vielleicht zum ersten mal auf (mir beim ersten durchblättern zumindest), dass dieser Rahmen ebenfalls ein wiederkehrendes Motiv ist (es handelt sich um den Rahmen, der schon auf dem Titelbild hinter dem Vater-Baum-Kopf zu sehen ist). Das Ursprüngliche Artwork zum Song, zu finden auf der Isaak-Single, wurde hier gänzlich verschmäht; auch wenn es auf der Isaak nicht schlecht ist – das war eine sehr gute Entscheidung, denn in das Gesamtkonzept von Vater hätte es in keinem Fall gepasst, und das sonst harmonische Booklet zerrissen. Ich finde, hier fällt besonders auf, wieviel Wert auf das Gesamtkonzept gelegt wurde!
    ★★★★

  5. Exodus [3:08]
    Nach den folgenden sehr ruhigen Stücken kommt jetzt mit “Exodus” wieder ein ordentlicher Kracher. Harte, verzerrte Gitarren und Bässe, schnelles Schlagzeug, und ein ein geschrieener Song. Wunderbar passend zum Text, denn anders kann dieser Song auch nicht vorgetragen werden:

    Nicht die Kinder
    Nicht die Weisenschar
    Nicht die Straßenjungen
    Nicht nach Treblinka
    (…)
    Meine Kinder!
    Sie reißen sie mir fort
    Meine Kinder
    verschleppt an einen Ort
    schlimmer als die Hölle hier!

    Im Wechsel gibt es zum einen Strophen, die immer mit “Nicht” starten, und aus denen man ein letztes intensives flehen raushören kann, mit einem hoffnungslos verzweifelt klingendem Refrain.

    Nicht Sechstausend,
    Nicht Sechstausend jeden Tag.

    Hier wurde ich besonders neugierig – ich glaube, der zweite Song (nach Anitas Cello), bei dem ich auf eigene Faust anfing, zu recherchieren – noch bevor ich die sehr gute und hilfreiche Janus-Seite zu den Songs überhaupt kannte.

    Treblinka hab ich, ohne das Booklet zunächst nicht verstanden, also musste ich direkt nach dem Song googlen, und stieß somit als erstes auf die Tagebücher Adam Czerniakóws. Dieser wurde von der Wehrmacht direkt nach der Kapitulation Warschaus zum Ältestenrat des Judenrates ernannt, und war damit gezwungen, die deutschen Unterdrückungsmaßnahmen gegen die Juden durchführen zu lassen, sowie die Anordnungen und Befehle im Warschauer Ghetto auszuführen. Gegen seinen Willen machte Czerniaków mit, bis er am 22. Juli 1942 den Auftrag erhält, täglich 6.000 Menschen aus dem Ghetto zu ernennen, die von der Wehrmacht in das Vernichtungslager Treblinka abgeführt werden sollten, wo sie dann vergaßt wurden.
    Czerniaków versucht den gesamten Tag, gegen diese Maßnahme anzukämpfen, hatte aber wenig Erfolg – vor allem bei den Kindern, z.B. aus dem Waisenhaus Korczak hatte er keine Chance Sondergenehmigungen zu erlangen um deren Leben zu retten, und so nahm er sich mit folgenden (an seien Frau gerichtete) Worte am Abend des selben Tages – ohne eine Liste anzufertigen – das Leben:

    Sie verlangen von mir, mit eigenen Händen die Kinder meines Volkes umzubringen. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als zu sterben

    Dieser Song schlägt ein wie eine Bombe, sowohl musikalisch, als auch textlich – man spürt und durchlebt die Verzweiflung des Protagonisten und wenn man dann noch die Hintergründe kennt… Das ist wirklich nichts für schwache Nerven. Aber ein Song, der es verdient hat, gehört zu werden. Unbedingt!

    Und da Zahlen selbst nie lügen: Meine iTunes Statistik verrät mir, dass ich bei diesen Song am häufigsten auf den Replay-Button gedrückt habe. Definitiv mein Lieblingslied. Definitiv ein Anspielsong. Einziges Manko – und das mein ich wirklich so – der Song ist viel zu kurz! Mit Knochenhaus und Wolken über Orgonon gehört er zu den kürzesten Songs. Alle anderen haben eine Spieldauer von mind. 6 Minuten, aufwärts. Schade.

    Das Artwork zeigt einen Menschenzug durch eine Art Geisterstadt. Die Kinder sind alle dürr und ausgehungert und folgen einigen mit bizarren Gasmasken maskierten Männern – die Kinder haben keinen Atemschutz – über der ganzen Stadt liegt ein nebliger Dunst. Sogar das Rahmenmotiv wurde hier in einer Art Torbogen-Konstrukt wieder aufgenommen.
    ★★★★★

  6. Die Ballade von Jean Weiss [6:39]

    Eine Ballade erweckt den Eindruck hier ein ruhiges schönes Stück zu hören. Ruhig, ja. Trommeln, dazu Klavier. Aber schnell wächst dieser Song zu etwas bedrohlichen an. Sowohl durch das Flüstern als auch durch die im Hintergrund ansteigenden Blasinstrumente (Tuba oder Oboe könnte hier vielleicht hinkommen), sowie verzerrten Gitarrengeräuschen. Im Mittelstück gibt es einen Instrumentalteil mit Geige, der sehr schön ist. Insgesamt aber nimmt der Song immer stärker an Bedrohung zu, das Flüstern wird irgendwann zu einem Schreien, bis es dann im Instrumentalteil wieder abklingt, und zu einem Flüstern wird. Ausgeleitet wird dieses Lied durch ganz stark verzerrte Gitarrentöne – passend zum brutalen Ende des Songs.

    Wie schon der letzte Song handelt es sich auch hierbei um eine Geschichte aus der NS-Zeit, Angeregt durch einen Zeitzeugen-Bericht aus dem Konzentrationslager Auschwitz mit dem sich RIG während des Schreiben dieses Songs beschäftigt hat. Die zugrunde liegende Geschichte ist wirklich tragisch und ergreifend:

    In den Konzentrationslagern des dritten Reiches war es bekanntlich Usus, dass sich die Betreiber auch durchaus Insassen als Assistenten ernannten. Diese Häftlingshelfer mussten oft auch bei brutalen Sachen mithelfen, und sie taten dies, denn es bedeutete eine bessere Überlebenschance (vor allem weil auch das Verweigern oft einem direkten Todesurteil gleichkam). Aus der Sicht des Häftlingshelfer Jean Weiss ist diese Geschichte geschrieben. Dieser war Häftlingshelfer beim SSSanitätsdienstgrad Josef Klehr. Klehr machte sich durch sein “Abspritzen” (Mord durch Phenolinjektion) von Häftlingen einen grausamen Namen im dritten Reich. Die Wikipedia Zitiert aus Zeugenberichten:

    Klehr liebte es, nach der Untersuchung der kranken Häftlinge durch den Lagerarzt weitere Häftlinge in den Krankensälen des Häftlingskrankenbaus[sic] für die Tötung durch Phenol auszusuchen, sowie der Lagerarzt das Lager verlassen hatte. Dabei ging er durch die Krankenblocks und wählte willkürlich jüdische Häftlinge aus […] [Er] hatte eine Vorliebe für gerade Zahlen. Er wollte die Zahl der durch den Lagerarzt zur Tötung ausgewählten Häftlinge ‚nach oben aufrunden‘

    Unter diesem SDG also dient Jean Weiss, und ist dazu verdammt, diesem beim Abspritzen zu assistieren, indem er die Opfer reinbringt, positioniert und die Leichen aus den Raum schafft. An einem Tag muss er dabei assistieren, seinen eigenen Vater zu töten:

    “Es war am 28. September 1942. Ich weiß nicht, als wievielter mein Vater dran war. Die Tür öffnete sich, und mein Vater kam mit einem Häftling herein. Klehr sprach mit meinem Vater. Klehr sagte ihm: Du bekommst eine Spritze gegen Typhus. Dann weinte ich und mußte meinen Vater selbst hinaustragen. Klehr hatte es eilig. Er spritzte gleich zwei Häftlinge ab, da er zu seiner Kaninchenzucht wollte.”

    Klehr habe ihn am nächsten Tag gefragt, warum er denn geweint habe, und, nachdem er den Grund erfahren habe: warum er, Weiss, denn nichts gesagt habe. Klehr: “Ich hätte ihn leben lassen.” Der Vorsitzende im Frankfurter Auschwitz-Prozeß wiederholte später die Frage: “Warum haben Sie es denn nicht gesagt?” Der Zeuge: “Ich hatte Angst, daß Klehr sagt: ‘Setz dich daneben.'”

    (Quelle: Robert Jay Lifton: Die Mörder sind noch unter uns, Der Spiegel 28/1988)

    Die Lyrics sind eine sehr zeitzeugen-genaue Umdichtung dieses historischen Ereignisses. RIG schreibt:

    Der Text ist sehr verstörend und in seiner Bedeutung für die “Vater”-Thematik neben “Der Flüsterer im Dunkeln” in meinen Augen am wichtigsten.

    Auf dem Artwork zum Song findet sich eine Überblendung verschiedener Motive die an die NS-Zeit erinnern: Verhungerte Häftlinge, ein KZ-Raum, Stacheldrahtzaun. Dazu einige SS-Papiere, Schreibmaschinengetippt, mit einigen Unterschriften und handschriftlichen Notizen, abgestempelt mit dem Hakenkreuz-Reichsadler. Die Lyriks befinden sich auf dem obersten Blatt.

    Ein unglaublich toller und unglaublich ergreifender Song, wenn auch nicht zu meinen Favoriten zählend.

    ★★★★

  7. Wolken über Orgonon [2:22]
    Wenn wir einmal zurückblicken, dann haben wir jetzt eine halbe Stunde lang Janus über uns ergehen lassen und dabei verschiedensten sehr gestörte Beziehungen erlebt. Von Kindsmord, Ehefrauenmord, bis hin zum Vatermord, von Massenmördern, Völkermord und Inzest – eine harte erste halbe Stunde.

    Mit Wolken über Orgonon erlaubt uns Janus daher jetzt eine wirklich echte, wenn auch sehr kurzen Verschnaufspause. Und so ist der Song insgesamt sehr ruhig und verträumt, ein bisschen Sehnsüchtig, instrumental getragen von Bass und Akustik-Gitarre, begleitet von Klavier.

    Vater jagt Wolken.
    
Er heilt die Welt.
    
Vater jagt Wolken
davon.

    Ein sehr schöner Song, und nach all dem Vorhergegangenen ein kleiner Ruhepunkt. Inhaltlich geht es um die Sicht des Sohnes Peter Reich auf seinen Vater Wilhelm Reich, der als Psychiater und Psychoanalytiker zunächst eine steile Karriere machte, wurde dann zunehmend kritischer rezensiert, bis es zur “Entdeckung des Orgons” kam, einer scheinbar biologischen Energiequelle. Schon zu Lebzeiten Reichs wurde dies nur belächelt und den Parawissenschaften zugeschrieben. Nachdem Reich Einstein bat, sich seine Experimente anzuschauen, baute dieser alle Experimente nach, und konnte diese Wissenschaftlich erklären. Er schloss seine Antwort mit dem vielzitierten Satz:

    Ich hoffe, dass dies ihre Skepsis entwickeln wird, dass Sie sich nicht durch eine an sich verständliche Illusion trügen lassen.

    Reich jedoch hielt bis zu seinem Tode an seinen Theorien fest.

    RIG schreibt:

    Beim Hören von Kate Bushs “Cloudbusting” kam mir die Idee ebenfalls ein Lied aus Sicht seines Sohnes über den Psychoanalytiker Wilhelm Reich zu versuchen, bei dem das Pendel zwischen Genie und Wahnsinn zuletzt nur noch in Richtung des letzteren ausschlug…

    Wer den Song “Cloudbusting” nicht kennt, findet ihn beim offiziellen Kate Bush Kanal bei YouTube (zumindest solange noch, bis die GEMA ihn sperren lässt):

    Auch das Artwork ist wieder sehr gelungen. Es zeigt einen leuchtenden Menschen, der an einer überdimensional großen Maschine werkelt, die mit verschiedenen Rohren in die unterschiedlichsten Richtungen ‘gen Himmel zeigt.

    Falls jemand tieferes Interesse an der Thematik hat: Ich hab bei der Recherche zu diesem Song unter anderem herausgefunden, das der Sohn Peter Reich seine Kindheitserinnerungen an den Vater Wilhelm Reich in einem Buch zusammengefasst hat.

    ★★★★

  8. Saitenspiel [6:29]
    Nach der kleinen Ruhepause reißt uns der nächste Song mit lauten Bootshupen aus der Verträumtheit zurück, in die grausame Janus-Realität, auch wenn der Song melodisch doch weiter sehr ruhig bleibt. Aber schon die ersten Worte des Liedes zeigen, dass es sich um eine schaurige Geschichte handelt:

    Mein Kind ist tot! Diphtherie!
    Mein krankes Herz so schwach wie nie

    Besonders schön fällt hier auf, dass eine Sägerin hinzu gekommen ist. Patricia Schwan singt im Wechsel mit RIG die Strophen, den Refrain tragen die beiden sogar zwei male gemeinsam vor. Der Frauengesang passt prima zum Song und harmoniert wunderbar zur schweren aber ruhigen, Melodie. Ein sehr schöner Song; ich würde mir sogar wünschen, dass Pratricia Schwan zu einer Dauerbesetzung wird, das Duett ist unglaublich schön, und würde auch den ein oder anderen Janus-Song sicherlich noch ein wenig Auflockern und auf eine andere Ebene heben.

    Angelehnt ist dieser Song an ein Erlebnis des Lieblingskomponisten RIGs, Gustav Mahler:

    Ansonsten handelt unser “Saitenspiel” von einer Begebenheit, die sich 1907 in New York ereignete, wo Mahler eine Anstellung als Dirigent hatte und den plötzlichen Tod seiner jüngsten Tochter verarbeiten wollte: der Aufmarsch eines Leichenzuges zu Ehren bei einem Brand umgekommener Feuerwehrleute.

    Dieses reißt natürlich die alten Wunden bei Mahler wieder auf, welches auch im Song thematisiert wird. Die Lyrics, die zum Teil ein wenig eigenartig sind, wie etwa folgende Passage:

    Umsonst gehofft, umsonst gestrebt,
    Ich habe nur Papier gelebt

    erklärt RIG wie folgt:

    Auf der handgeschriebenen Partitur seiner unvollendeten 10. Sinfonie sind einige rätselhaft fiebrige Worte an sie gerichtet, die ebenso wie Passagen aus Briefen, Gedichten und Tagebuchaufzeichnungen von Alma im Lied vorkommen.

    Das Artwork ziert ein Foto von Gustav Mahler und seine Frau Alma Mahler.

    ★★★★

  9. Kafka [5:13]

    Ich hab Kafka getroffen
    auf der Karlsbrücke in Prag.
    Niemand sonst hat ihn erkannt
    dabei war hellichter Tag.

    Allein schon für diese erste Strophe liebe ich diesen Song. Wie der ein oder andere ja weiß, habe ich während meiner Schulzeit keinen einzigen Text von Kafka lesen dürfen. Viele schockiert das zunächst, dann sagen sie mir, das ich damit eigentlich ziemliches Glück gehabt hab, denn sie hätten Kafka gehasst.

    Wahrscheinlich hatte ich tatsächlich ziemliches Glück – auch wenn ich dies nicht darin begründen möchte, dass ich kein Kafka lesen musste – eher doch, dass ich Kafka nicht in der Schule lesen musste! Denn nachdem ich das Abitur lange hinter mir hatte, wurmte es mich irgendwie, dass ich nie ein Werk von Kafka gelesen hatte. Und so machte ich mich eines Tages auf in die Buchhandlung, schnappte mir einen Sammelband an Erzählungen, und las. In meinen Nordakademie-Tagen traf das auf noch viel mehr Verwunderung: Da sitzt einer und liest freiwillig Kafka?! Nun was soll ich sagen, ich hab mich so ein bisschen verliebt. Und, ganz nebenbei bemerkt – das ist eine nette Methode um mit allen möglichen Leuten ins Gespräch zu kommen – vielleicht mal ausprobieren? 😀

    Irgendwann jedenfalls, das habe ich mir vorgenommen, werde ich mir in einer großen und sehr schön aufgemachten, gebundene Sammelreihe alle Werke Kafkas mit zugehöriger Sekundärliteratur besorgen.

    Hier nun geht es aber um den Song, der stiltechnisch schwer zu beschreiben ist, finde ich. Insgesamt ruhig und sehr melodisch, sehr rhythmisch, mit elektrischem Beat im Hintergrund, Bass, Streichern, Blasinstrumenten, elektrischen Gitarren und Trommeln. RIG beschreibt den Stil wie folgt:

    “Kafka” [ist] ein reinrassiger Popsong, wenn auch ein recht melancholischer…

    Insgesamt ein sehr schöner ruhiger Song, der sich sehr angenehm hören lässt, und trotz der Melancholie eine weitere wohlverdiente Pause von all den grausigen Geschichten ist, die wir davor über uns ergehen haben lassen.

    Textlich schreibt RIG

    Was wäre eigentlich, wenn Kafka wie ein ruheloser Geist noch immer durch Prag taumelt, durch eine moderne Welt, die ihm immer fremder und unwirklicher vorkommen muss?

    Die Idee ist sehr genial, wie ich finde, und inhaltlich kann man sich Kafka sehr gut vorstellen – wohl auch weil RIG wie auch schon in vorherigen Songs genau darauf geachtet hat, Worte und Textzeilen aus dem realen Leben des Kafkas zu wählen, wie etwa den Refrain, der in dieser Form auch in einem Brief Kafkas an Oskar Pollak steht. Und jeder, der sich einmal mit Kafka beschäftigt hat, weiß auch, wie dieser in das Gesamtkonzept des Vater-Albums passt. Allen anderen empfehle ich die Lektüre des hinterlegten Wikipedia-Artikels. 😉

    Im Artwork findet sich ein Bild von Kafka als kleiner Junge, zerknüllten Manuskripten, einem Füller, sowie einem Buch, auf dem sich die Lyrics über einem Bild von Prag befinden. Die Seite ist ein wenig zerrissen, und aus dem Riss kriecht, wie scheinbar aus dem Buch ein dicker schwarzer Käfer.

    Wie schon gesagt, ein alles in allem runder Song, der sowohl musikalisch als auch textlich voll überzeugt. Die Statistik in iTunes zeigt auch hier einen deutlichen Peak – eines meiner absoluten Favoriten auf diesem Album!
    ★★★★★

  10. Der Flüsterer im Dunkeln [9:46]

    Fast 10 Minuten lang ist der nun folgende Song, und RIG bezeichnet ihn mit folgenden Worten:

    Der Flüsterer im Dunkeln” ist das zentrale Werk auf “Vater” (und ganz nebenbei mein ewiges JANUS Lieblingslied), in ihm verdichten sich alle Aspekte der “Vater” Thematik zu einem einzigen bedrückenden Abgesang auf die Unsterblichkeit.

    Aber nicht nur die Länge des Tracks verdeutlich die Bedeutung, die dieses Stück für die Musiker gehabt hat. Auch insgesammt, kommt das Stück sehr imposant daher. Eingeleitet wird es über ein imposantes Streichwerk mehrerer Streicher, die auch aus der Filmmusik entstammen könnte. Dann gibt es eine Überleitung in einen elektrischen Hintergrundbeat, zu dem der Gesang im Flüsterton einsetzt, begleitet von einem Bass, und natürlich weiter den Streichern (wahrscheinlich Geige).
    Dann folgt eine Passage, die sehr laut ist, mit starken Gitarren und Geschrei begleitet wird.

    Danach wird es dann wieder sehr stark melodisch, bis es zum ersten Refrain kommt, der musikalisch dem lauten erstem Teil der ersten Strophe entspricht.

    Durchsetzt wird das Lied mit mehreren Instrumentalteilen, die sehr orientalisch klingen. Hier haben Janus zu den Instrumenten, die sie normalerweise Beherrschen (Klavier, Programmierung, Bass, Akustische und E-Gitarre, Violine, Blasinstrumente (Tuba, Euphonium, Posaune, Trompete), Cello, und Perkussion (Conga, Tabla, Djembé, Tarabuka) auch noch eine Oud, eine Darbuka und eine Sitar (so eine hatten wir sogar mal zu Hause stehen 😉 ) dazu geholt.

    Inhaltlich geht es um das Leben Howard Phillips Lovecrafts, über dessen Leben ich bisher noch nichts wusste. Im Speziellen wird das Ereignis des Todes von Lovecrafts Vater im Lied beschrieben. Lovecraft hat der Tod Verwandter immer sehr zu schaffen gemacht und stark geprägt, wie die Wikipedia verrät.

    Mutter, ich hab den Kopf verloren!

    Ich will vernünftig sein
    doch vernünftig sein ist schwer.
    Ich weiß, ich bin verrückt genau wie er.
    Ich sitze Tag und Nacht bei Dämmerlicht
    aufrecht in meinem Bett
    und warte bis er zu mir spricht!

    (ICH BIN HIER)
    Ich kann ihn hören!
    (NEBEN DIR)
    Er ist ganz nah bei mir
    der Flüsterer im Dunkeln.
    (DREH DICH JETZT NICHT UM MEIN SOHN)

    Musik und Lyrik funktionieren hier wunderbar und laufen Hand in Hand, und die Instrumentalteile sind einfach nur wunderbar schön, man kann die Augen dabei schließen, träumen – einfach herrlich.

    RIG erklärt hierzu:

    Mir gefiel die Idee, Lovecrafts Kindheit so zu erzählen, als sei sie eine seiner eigenen absurden Horrorgeschichten.

    Der alte viktorianische Brauch des Abschiednehmens von den Toten wurde von Lovecraft in Briefen als traumatisierendes Erlebnis beschrieben und bildet die Basis für unseren “Flüsterer im Dunkeln”, der bis auf die Anspielung auf den Autor nichts mit der gleichnamigen Geschichte von H. P. Lovecraft zu tun hat!

    Das erzählen der Geschichte als absurde Horror-Geschichte gelingt meiner Meinung nach sowohl musikalisch als auch lyrisch. Und so passt es auch dass der Titel “Der Flüsterer im Dunkeln” tatsächlich auch der Titel einer der vielen Horror-Geschichten Lovecrafts ist (der Volltext ist unter anderem im Original in der Wikisource zu finden). Insgesamt ist der Song sehr imposant, sehr schön und schöpft aus den Vollen dessen, was Janus ausmacht. Nicht mein Lieblingssong, aber doch ein sehr großartiges Stück

    Zum Artwork äußert sich diesmal sogar RIG persönlich:

    Das kleine Kind auf dem Photo des CD-Artworks ist übrigens der junge Lovecraft im Kreise seiner Eltern, der von seiner Mutter immer wie ein Mädchen hergerichtet wurde.

    Das Foto ist wieder im bekannten Rahmen eingeramht, macht allerdings nur einen sehr geringen Teil des Artwoks aus. Stehen tut das Bild auf einer bizarren Landschaft, bestehend aus den Überresten irgendwelcher Schalentiere (Krebse?) und anderer Gebeine, im Hintergrund seiht man Sterne, und fremde Planete, und die Augen eines großen Wesens – höchstwahrscheinlich handelt es sich hierbei jetzt tatsächlich um Cthulhu, einer der “Alten” – eine Art Gottheit – aus den Horror-Geschichten Lovecrafts.

    Nachts treibt es mich hinaus
    auf das Feld hinter dem Haus.
    Im Teleskop kann ich sie sehen
    wenn sie verloren am Himmel stehen

    Alt und wirr, zitternd, stumm
    die Knochen morsch, der Rücken krumm.
    So sind mir die Götter erschienen
    Vater war einer von ihnen.

    ★★★★★

  11. Die dreizehn Bestien [5:37]
    Das einzige Lied was mich so gut wie garnicht überzeugt, ist der letzte Song. Dieser steht für sich, hat mit dem Vater-Gesamtkonzpet absolut nichts zu tun, ist vom Text her absolut minimalistisch, und somit eher ein Intrumental. An für sich ein netter Song, der ein gutes Intermezzo zwischen zwei der Songs (besonders am Anfang) hätte bieten können. Schnell und rhythmisch, anfangs stark verzerrt, gegen Ende wird es mit Einsetzten der E-Gitarren auch ein wenig melodischer. Aber irgendwie passt er nicht so ganz auf den letzten Song und wirkt dadurch als Album Closer ein wenig eigenartig. Es ist zwar nett, dass der Song mit den Worten “Ist es Vorbei” endet – aber das danach bleibende Gefühl ist irgendwie: Uff, auf einmal Stille.

    Vielleicht bin ich hier zu verwöhnt von anderen Bands (ich denke da bspw. an ASP oder Adversus), bei denen das Ende wirklich ausklingt, nachhallt, und man auch erst einmal ein paar Minuten inne hält, um das ganze noch Nachwirken zu lassen. Und das gelingt mit diesem Song meiner Meinung nach nicht. Ein Instrumental das an “Der Flüsterer im Dunkeln” anknüpft wär hier geeigneter gewesen. Das ist ein kleiner Wermutstropfen, den ich hier noch in die Bewertung, aber weniger wegen des Liedes als solches sondern mehr wegen der Positionierung. Das gehört für ein Konzeptalbum meiner Meinung nach dazu. Aber natürlich ist dies auch nur meine subjektive Empfindung.

    Zum Inhalt schreibt RIG:

    Die dreizehn Besti-en stehen für dreizehn Karten aus dem Tarot, die die Herausforderungen, denen sich der Mensch im Laufe seines Lebens stellen muß, symbolisieren.

    Das Artwork ist wieder eine kleine Meisterleistung: Ein abstruses Monster, das scheinbar gemalt war, aber aus seinem Bild ausbricht.

    ★★★★★

Gesamteindruck

Für ein Debüt-Album haben die Jungs von Janus hier schon mit ihrer ursprünglichen Version einen absoluten Meilenstein hingelegt. In der um 3 Songs erweiterten Deluxe-Version werden alle Stücke noch einmal zu neuem Glanz aufpoliert, und um die unglaublich tollen Songs Wolken über Orgonon, Kafka und der Ballade von Jean Weiss ergänzt. Musikalisch sind Janus eine Band, die schon von der ersten Platte an nach ihresgleichen sucht. Obwohl sie offensichtlich keine Band sind, die “professionell produziert” wurde, also keine Kanten und Ecken hat, sondern eher musikalisch experimentell wirken, so ist das Ergebnis perfekt. Musikalisch wird weit ausgeholt, sowohl was die Vielfalt an Instrumenten mancher Songs angeht, als auch, was die Musikstile anbelangt – aber auch in der Tatsache, dass einige Songs unglaubliche Vielfalt aufweisen, andere dann wieder total minimalistisch sind – auch darin zeigt sich der musikalische Umfang, den Janus hier vorlegt.

Und das spiegelt sich auch textlich wieder: Obwohl mit dem Bezug zum “Vater” der Spielraum doch eigentlich arg eingeschränkt sein sollte, schaffen es Janus dann dennoch, das Thema vielseitig und auf unterschiedliche Art und Weise, aufzuarbeiten, und überraschen dabei mit der Vielzahl an Bezügen, und Interpretationsmöglichkeiten.

Nur in einem, da sind Janus eintönig: der musikalischen Färbung. Selbst die positivsten Songs, wie etwa “Wolken über Orgonon” sind auf ihre eigene Art und Weise düster; und wie düster diese Düsternis werden kann, das loten Janus dann in diesen 11 Songs aus. Emotional sind Janus schwere Kost, die verdaut werden muss, Musik, mit der man sich beschäftigen muss, und die sicherlich bei den ersten malen an einigen stellen auch stark verstörend wirken wird; dann aber sicherlich auch gerne mal nur so, nebenbei gehört werden kann – und ganz wenige Stücke laden sogar so ein bisschen zum Tanzen ein, wenn man es denn mag (Isaak z.B.).

Das Gesamtkonzept geht jedenfalls auf, die Veröffentlichungen um das Debüt-Album Vater herum (also der Original Release, die Single Isaak und die Demo Vater, sowie lange Zeit auch die Deluxe-Edition) gehören unter Kennern zu einigen der begehrtesten Platten der Szene überhaupt, was vor allem an der limitierten Auflage, als auch an dem Out-of-Print seien, sowie dem Schließen des Janus-Shop liegt. So erreichen ebenjene Veröffentlichungen auf Internet-Auktionshäusern Preise, die weit Jenseits von Gut und Böse, und der 100€ Marke liegen. Durch die Wiedereröffnung des Shops haben Janus den Preisdruck hier einen kleinen Einhalt gewähren können – da diese Platten aber alle nur Restbestände sind, und es nach jetzigem Stand keine Neuauflagen geben wird, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Preise wieder ins unermessliche steigen.

Wer also Interesse an diesen Veröffentlichungen hat, sollte nicht warten!

Was die Aufmachung der “Deluxe”-CD anbelangt, gebe ich zu, dass ich ein wenig enttäuscht bin. Vielleicht ist auch Verwöhnt das richtige Wort; denn wer Bands wie ASP hört, der erwartet hinter dem Begriff “Deluxe” außergewöhnliches; ist bei dieser Band ja schon die Bezeichnung “Limited” ausreichend um ein imposantes Digibook erwarten zu können.
Natürlich ist das unglaublich schön aufgemachte Booklet im neuen Artwork toll – die Wirkung aber, erzielen solche Bilder erst ab einer gewissen Größe (ich rede hier also nicht unbedingt mal vom Umfang).
Eine edle Aufmachung jedenfalls ist der musikalische und artworktechnische Inhalt definitiv wert. Die Prägung, und der Papp-Schuber trösten allerdings ein wenig darüber hinweg. Und für 19€ kann man zumindest beim Preis definitiv nicht meckern!

Anzahl Songs 11
Spieldauer 75:01
Kosten 19,00€
Musik, insgesamt ★★★★★
Ausstattung ★★★★★
Gesamteindruck ★★★★
Kaufempfehlung: Unbedingt

One thought on “Janus – Vater Deluxe

  1. Pingback: Persönlicher Jahresrückblick 2012 « ~ PygoscelisPapua ~

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