“Ein Wechselbalg, die Welt getauscht…” – Eine Rezension


Das neue ASP 'Wechselbalg' Cover“… und nun werden wir sehen!” Das sind die Worte, die in letzter Zeit um die Band ASP kreisten. Und sie sind passend, gleich aus mehreren Gründen. In diesem Eintrag möchte ich mich der neuen Single widmen, die heiß ersehnt wurde. Heiß ersehnt, da das zugehörige Album nun schon seit 2009 angekündigt wurde, aber leider immer wieder verschoben wurde. Nach einigen Schreckensmeldungen, machen ASP jetzt aber weiter, als hätte es diese Pause nicht gegeben. Geht das Konzept auf?

Vorgeschichte zur Single

2007 erschien das endgültige Ende des Zyklus “Schwarzer Schmetterling”. Und das war beinahe unvorstellbar: Der Schwarze Schmetterling, dieses kleine Ding, war im Original-Release von “Hast Du mich Vermisst” der erste Song, mit dem ASP sich in die Öffentlichkeit wagten, und sollte die Band 7 Jahre lang prägen, als Logo und Sinnbild, als Leitmotiv in Wort, Bild und Ton. 2007 also hätte sich eigentlich die Welt schon tauschen müssen, tat es aber nicht so recht – denn zunächst wurde eine EP herausgebracht, welche den Zyklus noch einmal aufgriff, und Lieder zu diesem beitrug, die sonst nirgends unter zu bringen war: “Die verschollenen Archive I” erzählten von weiteren Nebenschauplätzen, sowohl gesellschaftskritisch-politischer Natur, als auch von Wesen, wie Sara, die vom Schwarzen Schmetterling verdrängt wurden. Aber auch danach kam der Wandel nicht – 2008 erschien die “Horror Vacui”. Kann man einen treffenderen Titel für ein Album wählen, nachdem man 7 Jahre lang ein klares Ziel verfolgt hat und nun vor einem neuen komplett blanken Buch sitzt – eins in dem man nicht zurück Blättern kann, um zu sehen, wie man weiter vorwärts kommt?

“Horror Vacui” war ein “Best-of”, eine Zusammenstellung aus 7 Jahren Bandgeschichte, neu aufgearbeitet – eine Doppel-CD, zu dem zusätzlich auch noch ein Stop-Motion Animationsfilm als Musik-Clip zu Me aufgenommen wurde – der Schwarze Schmetterling blieb also weiterhin zentrales Thema von ASP. Auch als die Band dann mit Horror Vacui auf Tour gingen, und daraus das nächste Album, Akoasma – das erste Live Album, übrigens – herausbrachte. Im gleichen Jahr erschien allerdings das erste “Zwischenalbum”, und ja, hier kann man tatsächlich von einem Wandel sprechen: “Zaubererbruder – Der Krabat-Liderzyklus” (auch in der Wikipedia zu finden). Auch wenn das Wort “Zyklus” auf etwas wiederkehrendes schließen lässt, war klar: Dieses Projekt ist mit seinem erscheinen auch schon abgeschlossen. Also nur ein kurzer Weltentausch? Mit Zaubererbruder jedenfalls wagten die Gothic-Rocker mit dem technoiden Hauch einen sehr folkigen Weg einzuschlagen. Dieses gelang sehr gut, und so wurde dem Album auch eine überaus gebührliche Tour spendiert und das ganze auch aufzeichnete (Wikipedia). Die Tour war so sehr nachgefragt, dass man sich 2010 sogar zu einer weiteren Tour traf. Noch allerdings sind wir im Jahr 2008. Für 2009 war der nächste Zyklus angekündigt, wurde dann jedoch auf unbestimmt verschoben – und die Fans “lediglich” mit einer Single versöhnt. Lediglich in Anführungszeichen, weil eine Single, die aus 9 Liedern (2 neuen Songs, 2 Varianten, 2 Coversongs, 2 Remixe und ein Bonusvideo) – auch mit gutem Gewissen als EP bezeichnet werden darf. In einer limitierten Edition erschien sie sogar mit einem Comic um Johann Salamander, der Nebenfigur aus dem Varieté Obscur. Lange Zeit wurde es dann still um ASP, und die Fans bangten schon ein wenig. Statt neuer positiver Nachrichten, erschütterten negative Nachrichten die Fans: Burnout-Syndrom, Verhandlungen mit dem Label (der Plattenvertrag lief ja aus), Umstrukturierung der Arbeitsweise – musikalisch wurde es sehr still. Asp, Kopf der Band ASP kümmerte sich zwischenzeitlich um sein Comic-Projekt “7 Jahre mit Garg“, aber auch hier nur schlechte Nachrichten, die schlussendlich in Trennungen vom Band-Artworker Ingo ‘monozelle’ Römling einerseits und Bandmitbegründer Matthias ‘Matze’ Ambré andererseits gipfelten und auch die Fans zum Teil spaltete, definitiv aber ängstigte: Ist ASP ohne Matze eigentlich noch ASP?

Nun, endlich gibt es die erste neue Single – angekündigt für den 12.08.2011 wurde sie natürlich schon wieder eine Woche früher fertig und an die treuen Fans, die diese über den ASP Shop vorbestellt hatten, schon am 05.08. versendet. Nun, wie hat ASP sich verändert – ist die Welt wirklich getauscht?

Wechselbalg

So heißt die neue Single – der Titel, der offiziell als sehr “klangvoll” bezeichnet wird, wirft doch einige Fragen auf. Wechselbalg? Meine erste Assoziation war die mit Star Trek: Dort sind Wechselbälger (engl. Original: Changeling) eine negative Bezeichnung für die Gründer, welche formwandlerische Fähigkeit haben. Wikipedia verrät, dass Wechselbalg im deutschen Sprachgebrauch auch ein negativ besetztes Synonym für Kuckuckskind ist. Dies passt doch scheinbar recht gut in den Kontext der Lyrics und des zugehörigen Albums Fremd (der Auftakt für den neuen Zyklus “Fremder Zyklus”), das am 21.10.2011 erscheinen wird. Interessant finde ich vor allem auch den mythologischen Hintergrund, also dass es sich bei dem Kind um eines einer Elfe, eines Naturgeistes oder Gnomen ist, welches gegen das Menschliche eingetauscht wird.

Die neue Single - als CD und Vinyl

Erschienen ist die Single in zwei Versionen, einer Standard-Version, die 4 Songs beheimatet, und einer auf 499 Stück streng limitierten 12″ Vinyl-Single, mit 3 Songs, davon eines als exklusiv Version nur für die Vinyl-Single. Da ich für diese zu langsam beim ASP Shop war, musste ich sie mir bei einem Reseller bestellen. Allerdings kann ich sie, mangels funktionierendem Schallplattenspieler im Moment nicht rezensieren.

Die Vinyl-Single (Limited Edition)

Es gehört eigentlich mittlerweile zum Standard, dass ASP, wenn sie einmal etwas veröffentlichen, das sie dies neben der Standard-Version, die es überall zu kaufen gibt, auch in einer tolleren Version tun, die etwas teurer, dafür aber sehr aufwendig gestaltet und limitiert ist.

Seit dem zweiten Album, :duett, gab es neben der regulären Ausgabe ein limitiertes DigiPack, 2004 experimentierte man dann das erste Mal mit Boxen, und brachte die ersten drei, in der Insolvenz-Masse verschlungenen Alben als limitierte und nummerierte Boxen mit Autogrammkarte, Sticker, Button und Poster als Re-Release heraus (über die erste der Boxen schrieb ich schon mal). Seit dem ist die zusätzliche, oder wie ASP sagen “‘die einzig wahre Ausgabe’, in die wir all unser Herzblut gesteckt haben”, nicht mehr nur noch ein einfaches DigiPack. Über DigiBooks mit größeren Artwork-Booklets, bis hin zu stabilen kleinen Kartons in denen sich neben CDs auch DVDs, Filmschnippsel aus dem Original Filmrollen, Echtheitszertifikaten, Fotobücher, etc. befinden; bis hin zu ganzen Comics, die drumherum geschrieben wurden, ist alles vertreten. Mal handnummeriert, mal signiert, mal mit Echtheitszertifikat, mal mit strenger Limitierung, mal exklusiv nur auf der Tour zu erstehen (mit darauf folgender Einstampfung von Restbeständen) – ASP haben auf diesem Feld viel experimentiert.

So wundert es, dass sie trotzdem immer wieder etwas neues finden, was sie noch nicht ausprobiert haben. Für diese Single kommt eine weitere Vinyl-Platte zur ASP-Sammlung. Dabei gab es schon zwei Veröffentlichungen auf Vinyl: Das erste Mal wagte ASP 2006 den Schritt einer Vinyl-Veröffentlichung – die “Single” Werben (welche auch bei Monozelle genauer begutachtet werden kann), und die, aufgrund der schieren Extras sehr schnell ausverkauft war (limitiert). Die zweite Vinyl-Veröffentlichung, 1 Jahr später, die auf 900 Stück limitierte “Requiembryo” (monozelle), erfuhr nicht ganz das Glück – noch gibt es die Doppel-Vinyl-LP im ASP Shop zu kaufen. Wer sie haben möchte, sollte sich allerdings spurten, der Zähler sagt, dass es nur noch 10 Stück gibt! Ich kann sie mit gutem Gewissen voll und ganz und jedem empfehlen!

Die Vorderseite der Vinyl-Platte und die Rückseite des Vinyl-Inlays

Hier soll es nun aber um die Wechselbalg-Single gehen. Diese kommt leider ohne die gewohnten und lieb gewonnenen Extras daher, eine schlichte einfache 12″ Platte. Ungewöhnlich, dass es sich für 3 Lieder um eine 12″ Scheibe handelt, wo diese doch standardmäßig in 7″ daherkommen – verständlich allerdings, sobald man in Betracht zieht, dass diese Platte nur einseitig gepresst ist. Auf der Rückseite befindet sich ein so genanntes “Etching” (z.Dt. etwa “Ätzung”, was irreführend ist), ein in das Vinyl gebranntes Bild, welches im Falle von Wechselbalg mit einer Lasergravur gefertigt wurde.

Die Platte befindet sich in einem simplen Vinyl Plastic Sleeve ohne Lasche, in der sich neben der Single lediglich ein festeres (300g/m2) Coverblatt befindet. Dieses ist erfreulicherweise beidseitig bedruckt. Die Vorderseite ziert das bekannte Cover, welches auch für die CD-Single und die Konzertkarten genutzt wird. Auf der Rückseite finden sich Bilder und Motive die auch auf der CD-Single sind (lediglich das Foto ist ein etwas anderes), und die, damit sie auf das Blatt passen, anders arrangiert sind. Insgesamt ein sehr schönes, stimmiges Arrangement, aber nach den anderen Vinylplatten hätte ich hier irgendwie ein wenig mehr erwartet, besonders nachdem mich die CD-Single als erstes erreichte und mich so unglaublich begeisterte. Insgesamt wirkt die Aufmachung der Standard-Edition für mich das erste mal “wertiger”, als die der Limited Edition.

Die Rückseite der Vinyl-Platte, im 'falschen' Licht

Enttäuscht war ich im ersten Augenblick auch von der Platte selbst – die also so schön angepriesene Etching-Seite, welche das Cover darstellen sollte, bestand aus einer Reihe kurzer Linien, welche das Bild nur ansatzweise andeuteten. In keiner Weise vergleichbar mit dem Produkt, dass auf der Shop-Seite angekündigt war. Sollte das schon alles gewesen sein?

Die Rückseite der Single, bei näherer Betrachtung

Aber wehe dem, der hier voreilig urteilt: An meinem sonnenbeschienenem Tisch mit der Sonne im Rücken war es sehr schwer, ein Bild zu sehen. Ändert man aber die Perspektive, so erscheint das sich offenbar verbergende Bild in voller Pracht.

Die Rückseite der Single, im richtigen Licht

Insgesamt also eine optisch gelungene Veröffentlichung, auch wenn sie den anderen limitierten Versionen von ASP in puncto Ausstattung hinterher hinkt. Ob ich aber eine allgemein gültige Kaufempfehlung für die Vinyl-Platte aussprechen kann, weiß ich nicht. Für Fans und Sammler von Vinyl-Platten ist sie sicherlich eine nette Erweiterung der Sammlung. Die Platte ist wie gesagt, bei ASP direkt nicht mehr zu beziehen – hier war sie schon wenige Tage nach Vorverkaufsstart ausverkauft. Allerdings gibt es sie bei diversen Resellern. Beim Fanforum habe ich gelesen, das Amazon allerdings nicht die beste Wahl für das Bestellen von Schallplatten ist – die Verpackung ist unzureichend, und so kam die Schallplatte bei einigen beschädigt an. Ich persönlich habe gute Erfahrungen mit DeeJayDead gemacht – der Versand war sehr zügig und die Platte in Spezial-Verpackung 1A verpackt.

★★★★★

Die CD-Single (Standard Edition)


Die Wechselbalg CD und die neuen Tour-Tickets

Die Standard-Single wiederum ist für eine einfache 4-Track Single für 8€ doch recht aufwendig gestaltet: Nachdem man das 3-Fold DigiPack Ecolpak aus der Folie befreit hat, fällt einem sofort auf, dass die Single sich ganz wunderbar anfühlt! Farblich angepasst an das neue Logo (ich nenne es mal Asps Augen – auch zu finden auf der offiziellen Webseite als Banner) ist die Single in Grau unglaublich hell – farblich aber kaum zu unterscheiden von der Karte für die bevorstehende Tour (welche übrigens diesmal aus selbstgeschöpftem Papier gemacht ist. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen…), oder der Vinyl-Platte. Das besondere: Eine Struktur überzieht die gesamte Single (bis auf die Augen und das Bild von Asp), sowohl vorne, als auch hinten – und sogar im Inneren. Ich hab mich dabei ertappt, das ich die ersten paar Minuten nach dem Auspacken noch nichts mit der Single gemacht hatte – nicht einmal geöffnet! Lediglich meine Finger strichen die gesamte Zeit über das kleine DigiPack. Erst die Innenseite verrät, dass es sich bei dieser Struktur um eine “Flügelstruktur”, wahrscheinlich der eines Schmetterlings(?), handeln soll, für die sich Pit Hammann verantwortlich zeichnet.

Die 'Flügelstruktur' welche die Single überzieht

Auf der Rückseite der schlicht gehaltenen Hülle findet sich neben der Trackliste eine weitere ASP-Neuerung; ASP erscheint ab jetzt unter einem eigenen Sub-Label von Trisol, nämlich dem “Gothic Novel Rock Records”. Das zugehörige Logo macht sich sehr schick auf der Rückseite der Hülle.

Rückseite des Ecolpak

Beim erstmaligen Aufschlagen des 3-Folds springt einem der bekannte Satz ins Auge, den ich auch schon als Titel für diesen Blogeintrag gewählt habe – ursprünglich stammt er aus dem Album “Horror Vacui” und wird dort als “Previously Unreleased” das erste mal den Fans vorgestellt. Der Song “So viel Tiefer” war als Ende des Schmetterlings-Zykluses gedacht, musste aber dem Song “Nie mehr!” weichen. Dafür hat sich ASP dann erlaubt, ihn in den “Horror Vacui” als tatsächlich letzten Song aufzunehmen, und damit den Zyklus also endgültig abzuschließen:

So viel tiefer ist tatsächlich als Conclusio des Schmetterlings entstanden, als die wichtigste Frage an den Protagonisten nach diesem langen Kampf. […] Eine fantastische Chance bot sich mit der “Horror Vacui”-Retrospektive, diesen Song (am Ende) doch noch unterzubringen.

(Zitat aus Alexander F. Spreng: Horror Vacui. Liedtexte/Lyrics 1999-2007)

Ein schöner Anknüpfungspunkt an den alten Zyklus, wie ich finde. Die andere Seite die Sichtbar wird, ziert ein Bild von Asp im “neuen Gewand” – was in diesem Fall neue Maske heißt: die berühmten Augen, die auch sonst schon alles zieren. Lediglich bei diesem Foto wird die Struktur, die das gesamte Werk ziert, durchbrochen.

Die Single, komplett aufgeklappt, mit CD und Lyric-Karte

Das Aufschlagen der noch fehlenden Seite sorgt für einige Überraschungen:
Zunächst sind auch die zwei neu sichtbaren Seiten CD-los. Dann ziert ein Schwarzer Schmetterling eine Seite – im gleichen Stil wie auch das restliche Artwork, als verlaufener Tintenklecks – im neuen Gewand also. Dennoch wundert es mich, da dieser Zyklus doch nun abgeschlossen sei. Die andere Seite ziert eine Rabenfeder, eine Anknüpfung also an den Krabat-Liederzyklus. Überraschend toll finde ich die Innenseite mit dem Text. Dieser, so wird verraten, ist ein “Handlettering” von Asp himself (was auch sofort jedem auffällt, der einmal ein Autogramm von ASP bekommen hat) und hat etwas unglaublich schönes inne. Die CD selbst befindet sich, wie bei einem Vinyl-Gatefold, in dem Zwischenraum der durch die beiden Pappstücke für Innen- und Außenseite entsteht. Die andere Seite hält ein bierdeckel-ähnliches Stück Pappe, auf dem sich auf Vorder- und Rückseite die Lyrics befinden. Besonders die Lyrics zu Angstkathedrale sind sehr schön arrangiert. Die CD selbst ist schlicht schwarz gehalten, mit Auslassung als Beschriftung – und, schon wieder, einem schwarzen Schmetterling, in der neuen Darstellung als Tintenfleck.

Ziemlich dick für eine Single

Insgesamt ist die Single sehr schön gestaltet und etwas für das Auge und die Finger – ob auch für die Ohren, folgt im nächsten Abschnitt ;). Einziges Manko, das ich wirklich sehr schade finde: Der Sticker für die Tour wurde diesmal “auf” die Single geklebt, und nicht wie sonst üblich, auf die Folie, in welche die Single eingeschweißt war. Somit wird das ansonsten perfekte Artwork auf böse weise gestört – und ich persönlich traue mich nicht, ihn abzuziehen, da er sehr fest aussieht.

★★★★

Die Musik

Nun, was soll ich groß sagen: Nachdem ASP mit BaldAnders eine Vorab-Veröffentlichung bei YouTube gewagt haben, und damit durchaus auch Skepsis verursacht haben (ist das der neue ASP Stil?!), ist die Single fast schon gewöhnlich ASP. Was jetzt nichts negatives heißen soll, im Gegenteil! Aber nach den vielen, teilweise doch teilweise recht heftigen Reaktionen (“also wenn ASP jetzt solche Musik machen, dann werde ich die nicht mehr hören”), wäre es fast zu schön gewesen, wenn ASP jetzt tatsächlich einen komplett anderen Stil gewagt hätten 😀

Aber gehen wir die Lieder doch mal im einzelnen durch:

  1. Wechselbalg [5:54]

    Wechselbalg kommt rockig-fetzig daher, und hat meiner Meinung nach starkes Ohrwurm-Potential. Melodisch fühle ich mich an einige alte Songs erinnert, ich kann aber weder genau fest machen, an welche, noch warum eigentlich genau. Ich denke, es hat auf sehr abstrakte Weise auch ein wenig was mit dem Song “Wer Sonst” gemeinsam. Lyrisch hat Asp hier einen Song geschaffen, der gewohnt verschlossen und mystisch bleibt, und daher interpretativ viel Spielraum bietet. So fallen mir in diesem Song weiterhin sehr viele Parallelen zum Schwarzen Schmetterling auf:

    Ich steige auf, du sinkst hinab […]
    Du hast dich den Kräften, die so an dir zerrten, doch mit aller Macht noch entgegengestellt, dich gewehrt und dagegen gestemmt.

    Die Textzeilen erinnern mich an den Kampf zwischen dem Schwarzen Schmetterling und dem Protagonisten – dieser wird hier auf eine abrechnende Art und Weise noch einmal aufgegriffen. Der Refrain ist der bekannte Satz, der die Single trägt und gleichzeitig die Brücke vom alten Zyklus zum neuen schlägt:

    Das Innerste geäußert und aufs Äußerste verinnerlicht. Ein Wechselbalg, die Welt getauscht und nun werden wir sehn.

    Schlüsselzeile für den Song bleibt meiner Meinung nach der Satz:

    Der Weg in die Freiheit blieb versperrt, denn dann bist du erwacht in der anderen Welt, so verkehrt, und so unendlich fremd.

    – wie passend zum Thema “Wechselbalg” und “Fremd”. Hat der Protagonist also dem Schwarzen Schmetterling nachgegeben? Oder es geschafft, ihm zu widerstehen? Egal welche der beiden Möglichkeiten man wählt – die Geschichte um den Schmetterling scheint tatsächlich geschrieben und abgeschlossen zu sein – das neue, die fremde Welt erwartet uns.

    Insgesamt denke ich, dass dieses Lied sehr Massentauglich ist, und sich bei vielen als Lieblingslied der Single und als Ohrwurm einnisten wird. Meiner Meinung nach ein sehr toller Song, der sich neben Hits wie “Wer sonst” gut einreiht. Auch inhaltlich sehr schöne Lyrics, der schön an das endgültige Ende des Schwarzen Schmetterlings anknüpft.

    Die gesamten Lyrics zu diesem Song finden sich übrigens auf der Seite zur Single.

    ★★★★★

  2. Angstkathedrale (Amiens Version) [13:13] [12:05]

    Mit einer stattlichen Länge von 12:05 (die angegebenen 13:13 müssen ein Fehler sein) wartet der zweite Song auf. Angstkathedrale heißt er, und der Name ist Programm. Eingeleitet wird der Song durch ein fast 2 Minuten langes Instrumental-Intro, das auch aus der musikalischen Untermalung eines Horrorfilmes stammen könnte, langsam und düster leitet ein Keyboard mit Schlagzeug in das Lied ein – und vernimmt man nicht das Schlagen einer Glocke? Irgendwann wird es dann Gittarren-lastiger und schlussendlich setzt ein sehr sakraler Gesang ein, der die erste Strophe über sehr monoton und langsam ist. Mit einer länge von 5 Minuten ist er mir leider ein wenig zu lang und vor allem langsam.

    Die erste Strophe wird mit einer Instrumental-Einlage von der zweiten getrennt, die ebenfalls wieder fast 2 Minuten lang ist. Diese Einlage ist sehr viel schneller und sehr melodisch und schön und wird von einer Gitarre und einem Klavier getragen. Allein dieser Teil macht die vorherigen 5 Minuten wieder wett.

    Die zweite Strophe ist musikalisch und gesanglich wieder anders gehalten, wird sehr schön durch die Instrumente in einem fließenden Melodienwechsel mit änderdem Schlagzeugrythmus eingeleitet. Hier wird es jetzt schneller und rockiger und gleich in der ersten Zeile schon wird mit unglaublich tollen Lyrics aufgewartet:

    Ach, könnte ich doch endlich schlafen oder würde einfach wach.

    Einziges Manko – diese Strophe ist sehr kurz und schnell wieder zu Ende.

    Auch die dritte Strophe ist ähnlich toll, wie die zweite. Wieder sehr rockig, und direkt im Anschluss an die zweite, aber doch stilistisch auch wieder ein wenig anders. In der vierten Strophe, die dann aber auch nicht mehr so lang ist, wird stilistisch wieder zur ersten Strophe zurück gefunden. Besonders faszinierend finde ich hier die Übergänge in die einzelnen Stücke des Lieds. Auch wenn sich Rhythmus und Melodie stark ändern, gelingt dies doch in einer natürlichen, fließenden Bewegung.

    Auch wenn der Song Lyrisch meiner Meinung nach expliziter wird, als es noch bei “Wechselbalg” der Fall war, da man hier ja das Symbol der Kathedrale im Hinterkopf hat, ist es doch insgesamt sogar noch sehr viel offener und reicher an Metaphern, als Wechselbalg. Ein wenig fühle ich mich auch an das Gedicht Friedrich Schiller: Die Glocke erinnert – die Beschreibung “Monumental” von Seiten der Band kann man also durchaus unterstreichen.

    Insgesamt gesehen ist dieses Lied, gerade durch seinen düsteren und schweren Anfang sehr schwer zugänglich. Dennoch bietet es sehr viel Abwechslung und ist insgesamt ein sehr schönes Stück, dass sich wunderbar zu anderen “überlangen” Werken, wie “Requiem” oder “Ballade der Erweckung”, gesellt. Übrigens handelt es sich bei der Amiens Version um eine etwas kürzere Variante des Songs, der auf dem Album erscheinen wird (ich nehme stark an, dass es dort dann tatsächlich die 13:13 sein werden). Auf der Vinyl-Single befindet sich eine noch kürzere Version des Songs, die nur 10:06 lang ist. Sobald ich diese ausgiebig hören konnte, werde ich den Teil hier erweitern.

    ★★★★

  3. BaldAnders [5:54]

    Mit diesem Song wagen ASP Neuland, da es sich im Original um ein stark mittelalterliches Stück handelt. Ougenweide haben es im Jahre 1976 das erste mal auf ihrem Studio-Album Ohrenschmaus veröffentlicht, in Anlehnung an die Fabelgestallt Baldanders.

    Das Cover ist sehr gelungen, und gefällt mir um einiges besser als das Original – mit einem Männer-Chor eingeleitet (den man bei ASP ja nun auch langsam gewöhnt ist), geht es mit schneller Mandoline, begleitet von Flöte recht mittelalterlich weiter. Insgesamt ein sehr schönes Mittelalter-Folkiges Lied, das stärker als “Von Zaubererbrüder” zeigt, das ASP auch andere Genres beherrschen.

    ASP coverte den Song in Gedenken an Frank Wulff, welcher im letzten Jahr verstarb. Dennoch fügt sich auch BaldAnders wunderbar in das Gesamtkonzept dieser Single – das Thema des Wandels und der Fremde, das schon in Wechselbalg angesprochen werden hier noch einmal aufgegriffen und auf eine erfrischend andere Art und Weise behandelt – der Weltentausch als magische Tat eines Fabelwesens. Eine schöne Idee.

    Insgesamt ein sehr tanzbarer Song, der viel Spaß macht, und zeigt, das ASP auch das Genre Mittelalter-Rock beherrschen.

    ★★★★★

  4. Dancing MCMXCV [3:55]

    Dieses Lied ist wohl eher als Schmankerl für die treuen Fans von der ersten Stunde gedacht. Eine akustische Version des Lieds Dancing aus dem Jahre 1995! Nachdem die Gründung der Band ASP mit Matze Ambré erst 1999 war, also ein pre-ASP Werk von Asp und Uli Riedinger, gefunden auf einer Cassette. Auf der Erstveröffentlichung im Debütalbum “Hast Du mich Vermisst?” präsentierte sich Dancing als sehr elektrolastiges Stück, das sehr hart daherkommt.

    Auf der Single werden wir per Akustik-Gitarre sehr sanft in die bekannte Melodie getragen. Das Intro ist sehr schön, und sorgt ein wenig für Gänsehaut. Auch der Gesang, der dazu einsetzt ist wunderschön, und da ich ja ein Fan von Liedern in verschiedenen Versionen bin und besonders auch Akustik-Varianten sehr toll finde, war ich mir sicher, dass dies eines meiner Lieblingsstücke wird. Leider finde ich den Refrain nicht so wirklich gelungen – dort hab ich mir dann beim ersten hören ziemlich stark das Gesicht verzogen (und ein Kommilitone der da war und auch mal reinhören wollte, ebenfalls 😉 ). Schade – andererseits reden wir hier von einem Demo Tape das irgendwo, wahrscheinlich privat(?) aufgenommen wurde.

    Insgesamt bleibt zu sagen, dass es eine sehr nette Zugabe und ein Geschenk für die Fans ist, und das auch das nicht immer ganz perfekte definitiv seinen Charme hat. Danke also, für dieses intime Stück Vergangenheit, das sicherlich nicht jeder Musiker so ohne weiteres von sich geben würde. Und je mehr man hinein hört, desto mehr gewöhnt man sich auch an die nicht ganz so glatt klingenden Töne 😉

    ★★★★★

Gesamteindruck

Insgesamt ist die neue Single gar nicht so neu und anders, wie einige das oft befürchtet haben – ASP sind sich treu geblieben. Dennoch ist meiner Meinung nach auch eine Änderung auszumachen – so ist die Single sehr viel melodischer geworden. Stand in den ersten Alben oft nur, das Asp und Matze für das Album zuständig waren, wirkten bei diesem Album nun tatsächlich die gesamte Live-Band mit. Neben Asp, der sich für Gesänge und die Programmierung verantwortlich zeichnet, sind dies Tossi (Andreas Gross) am Bass und Himmi (Oliver Himmighoffen) am Schlagzeug. Und auch Thomas Zöller, der so großartig den Dudelsack bei den “Von Zaubererbrüdern” gespielt hat, ist mit Flöten wieder mit von der Partie. Daneben gibt es die neuen und bei ASP noch unbekannten Namen Søren Jordan, der Matze an der Gitarre ersetzt und Lutz Demmler als Producer sowie als Musiker am Keyboard und der Mandoline. Beide ergänzen die Band hervorragend und machen Lust auf mehr.

Die CD erhalten von mir eine unbedingte Kaufempfehlung, und wer Fan oder Sammler ist, hat auch mit der Vinyl-Platte ein kleines Schmuckstück. Musikalisch wird derjenige, der ASP mag, alles finden, was er toll findet: Von Ohrwurm-Verdächtigem Rockhit über den inhaltsschweren, facettenreichen Überlängensong – über folkigem Tanzlied bis hin zum Akustik-Klassiker ist auf dieser nur 4 Lieder langen Single doch alles an Stilen enthalten, was man von ASP in den letzten Jahren gewohnt ist – verpackt in einer stärker melodisch, weniger elektronischen Gangart, die erfrischend neu und doch gewohnt gut ist.

Die CD ist die erste, die nach der 10er Proklamation erschienen ist, und sie hält auf alle fälle das versprochene – als Single für 8€ bekommt man hier etwas wirklich aufwendig erarbeitetes in die Hände. Ich hoffe sehr, dass es sich für die Band lohnt, denn solche Veröffentlichungen machen Spaß und geben dem Kunden in Zeiten von steigenden Preisen und fallender Qualität auch endlich wieder einen Grund, sich eine CD zu leisten.

Weiterhin hoffe ich, mich nicht all zu schnell satt zu hören, denn auf das zugehörige Album muss noch ganze zwei Monate gewartet werden! Aber die Single zeigt – es wird sich lohnen. Wer noch eine Vinyl-Platte möchte, sollte schnell zuschlagen. Auch werden ASP direkt im Anschluss an die Veröffentlichung des Albums mit diesem auch auf Tour gehen, und erste Locations sind schon ausgebucht. Auch hier ist also Eile geboten (und falls ihr in Hamburg dabei seid, meldet euch doch – ich werde auch dort sein)!

Anzahl Songs (CD/Vinyl) 4/3
Spieldauer (CD/Vinyl) 27:48/21:54
Kosten (CD/Vinyl) 7,95€/20,99€
Musik, insgesamt ★★★★★
Ausstattung (CD/Vinyl) ★★★★/★★★★★
Gesamteindruck (CD/Vinyl) ★★★★★/★★★★★
Kaufempfehlung: Unbedingt
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2 thoughts on ““Ein Wechselbalg, die Welt getauscht…” – Eine Rezension

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